• Bye, Bye Shanghai!

    17. Dezember 2009

    Übermorgen ist es nun soweit: wir kehren Shanghai den Rücken. Wie wir uns fühlen? Hmm, wohl ein Mix aus Vorfreude auf neue Abenteuer, Angst vor einer ungewissen Zukunft und etwas Wehmut. Die wohl häufigste Frage in den letzten Wochen: Warum gerade Neuseeland?

    Ja, wo fangen wir jetzt an? Nach bald 3 3/4 Jahren in Shanghai war einfach die Luft raus. Alles war nur noch zu viel – zu viel Lärm, zu viel Schmutz, zu viele Kakerlaken, zu viele Autos, einfach zu viel Stress – leider auch im Büro. Es musste also eine Lösung her, mit der wir glücklich werden können. Nach Hause wollten wir noch nicht, also wohin? Jana hat immer schon das Bedürfnis verspürt, mal in Neuseeland Urlaub zu machen, also was lag da näher, als unsere Hochzeitsreise dorthin zu legen. Und nach vielen langen Gesprächen – schon vor dem Urlaub, war eigentlich klar, dass das nicht nur ein Urlaub werden wird, sondern ein intensives Ausloten, ob Neuseeland vielleicht unsere künftige Heimat werden könnte. Das Cara im Mai geboren wurde, hat uns die Entscheidung sogar noch erleichtert. In den vergangenen Monaten gab es viele kleine Hinweise und Begebenheiten, die nur in eine Richtung wiesen – nichts wie weg hier!

    Aber wie sollten wir es nun anstellen? Ohne Arbeitserlaubnis für Neuseeland kein Jobangebot und ohne Jobangebot keine Arbeitserlaubnis. Es gab also nur 2 Möglichkeiten: entweder auf gut Glück alles aufgeben, mit einem Touristenvisum einreisen und vor Ort suchen oder durch den langwierigen Prozess der Antragstellung auf Permanent Residence (PR), also die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung, zu gehen. Wir entschieden uns, erstmal die PR zu beantragen und dann zu schauen, wie wir weiter vorgehen.

    Die Monate nach unserer Reise waren wir mit den notwendigen Vorbereitungen beschäftigt: zuerst suchten wir uns einen Einwanderungsberater, der uns mit den notwendigen Formalitäten unterstützt, denn wie jeder, der diesen Prozess einmal durchgemacht hat, weiß, was an Formularen und Anträgen auf einen zukommt. Anschliessend mussten Zeugnisse übersetzt, beglaubigt und nach neuseeländischem Standard anerkannt werden. Nachdem dies abgeschlossen war, konnten wir endlich mit dem eigentlichen Einwanderungsverfahren beginnen. Dazu musste ein Antrag abgegeben werden, in dem vorhandene Qualifikationen aufgelistet und mit Punkten bewertet wurden. Dieser Antrag kam in einen Pool und in Abhängigkeit der erreichten Punkte und Anzahl der Anträge werden diese dann gelost. Wir hatten Glück und wurden gleich wenige Tage nach dem Einreichen des Antrags gezogen und konnten nun den eigentlichen Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung stellen. Dazu waren viele weitere Dokumente und Beglaubigungen sowie ärztliche Untersuchungen notwendig, aber auch das haben wir geschafft und der Antrag wurde eingereicht. Wie lange es dauert, bis dieser nun bearbeitet wird, ist ungewiß. Es kann 2 Monate, aber auch noch 6 Monate dauern, bis wir unsere Aufenthaltsgenehmigung in den Händen halten.

    Nachdem wir aber nun schon ein halbes Jahr mit der Planung beschäftigt waren, wollten wir nicht noch länger warten und beschlossen, auch ohne PR unseren China-Aufenthalt zu beenden und Ende Dezember mit einem Touristenvisum in Neuseeland einzureisen und nach einem ausgedehnten Urlaub mit der Jobsuche zu beginnen. Um den Zeitdruck etwas zu mindern, haben wir ein verlängertes Touristenvisum für 9 Monate beantragt, der Job und die Wohnung wurde gekündigt, Flüge, eine vorläufige Unterkunft und ein Mietwagen gebucht. Sehr schweren Herzens haben wir uns am Samstag von unserer alten Wohnung verabschiedet und wohnen nun im Hotel. Die Möbel und alle Koffer sind ver- bzw. gepackt, und bei den meisten Dingen, die bis vor kurzem noch alltäglich waren, sagen wir nun z. Bsp., dass ist das letzte Mal, dass wir hier essen gehen, dass letzte Mal, dass wir diese Straße entlanggehen, dass letzte Mal, dass wir uns über den alltäglichen Wahnsinn hier wundern. Da schwingt viel Wehmut mit, aber auch viel Erleichterung.

    Wie zieht man nun ein schlüssiges Fazit nach einer so langen Zeit in Shanghai? Wir haben beschlossen, dass das eigentlich gar nicht geht. Es gibt so viel zu berichten, so viele Eindrücke, dass ein paar Sätze zu wenig wären, um diese Stadt, das Land und vor allem die Leute zu erklären. Wir werden das alles hier mit Sicherheit vermissen, und ich meine alles, selbst die eher unangenehmen Erinnerungen. Die Zeit in China war in jedem Fall aufregend. Wir haben viel über uns gelernt, vor allem, das Geduld eine Tugend ist, die man hier in jedem Fall tagtäglich braucht. Warten ist ein Dauerzustand hier. Warten auf Entscheidungen oder Informationen, warten auf Taxis oder Post, Warteschlangen wie auch das Warten auf jemanden, der einem beim übersetzen hilft, erfordern ein Maß an Geduld, welches erst einmal entwickelt werden muss. Andererseits ist es unabdingbarer Teil des Lebens in China, dass man sehr genaue Anweisungen gibt, wenn man etwas erreichen möchte. Das ist beim Schneider so, beim Fahrer wie auch im Büro. Gleichzeitig muss man dann aber sehr ungeduldig wirken, um die Dringlichkeit eines Anliegens zu verdeutlichen. Eben mal im Vorbeigehen eine Anweisung geben, führt fast immer in eine Sackgasse. Hier ist reden wichtig, und das man versteht, das nicht alles verstanden wird, auch wenn es einem so scheint. Eine E-Mail mit 5 Anweisungen wird in etwa so gelesen: Anweisung 1 wird abgearbeitet und dann wird gewartet, bis der Chef nach dem Status fragt. Dann wird Anweisung 2 abgearbeitet und so weiter. Wenn nun der Chef 5 E-Mails schreiben würde, mit je einer Anweisung und der Bitte, nach dem Erledigen der Aufgabe den Status zu kommunizieren, würde das die Effizienz enorm steigern. Aber wir Westler ticken da anders, und das führt zwangsläufig immer wieder zu Problemen. Das Leben hier ist sehr komplex, und wenn man die Sprache nicht versteht, und „verstehen“ heißt auch, zu verstehen, wie die Sprache und die Kultur funktioniert, dann wird es sehr schwierig. Informationen werden völlig anders interpretiert, als wir das tun. Es wird viel interpretiert, und leider auch falsch. Ein Auftrag kann auf verschiedene Weise verstanden werden, und durch die hierarchische Denkweise wird verhindert, dass offene Punkte angesprochen werden. Der Chef, oder der Kunde, hat immer Recht. Wenn dann was schiefläuft hat der Chef die Verantwortung, da er’s ja so und nicht anders angewiesen hat. Das klingt nun ziemlich schwarz-weiß, und natürlich ist das nicht immer so und in jedem Fall. Wir sind gut zurecht gekommen, eben auch, weil wir Fehler nicht immer bei anderen gesucht haben, sondern ab und an auch mal unsere eigene Denkweise hinterfragten. Das ist eine der wichtigsten Lektionen, die wir hier gelernt haben, und das wird uns auch in Neuseeland helfen.

    Eigentlich wollten wir gar nicht so viel schreiben, und um das abzuschließen, hier noch ein paar letzte Worte. Ein Teil von uns wird hierbleiben, und mit dem kleinen Eintrag im Pass unserer Tochter wird sie immer ein „Shanghai-Baby“ bleiben. Kann man eigentlich was Schöneres mitnehmen als ein Kind? Ich denke, dass unsere Tochter das schönste Abschiedsgeschenk ist, was uns diese Stadt machen konnte. Mehr geht gar nicht, alles andere wäre zu viel.

    Freunde haben wir hier gefunden und wieder verabschiedet. Neue Freunde kamen dazu, die nun uns verabschieden. Die Gemeinde hier ist eigentlich eher eine Wohngemeinschaft, aber eine mit Putzfrau, Kindermädchen und dem besten Lieferservice der Welt. Sherpa’s – danke! Wann immer wir hungrig sein werden, werden wir wehmütig an euer kleines Büchlein denken und die vielen Mopeds, die uns unsere Wünsche nach Hause lieferten.

    Wir haben das Leben hier sehr genossen, freuen uns aber auch auf die Antwort, wie es in Neuseeland weitergeht. Wir sind schrecklich aufgeregt, und eigentlich können wir es gar nicht abwarten, in den Flieger zu steigen. Wir wissen aber auch, dass das sicher kein leichter Anfag werden wird, aber wir sagen uns eben auch, dass wir’s hier hinbekommen haben, also warum sollte es in Neuseeland schwieriger werden? Ihr werdet es bald erfahren…

    Zum Schluss noch ein paar Bilder unserer Abschiedsfeier. Zuerst ging es zu einem letzen leckeren Dumplingfrühstück im Ding Xiang Garden und dann weiter zum Weihnachtsmarkt im Paulaner, wo wir noch ausgiebig dem Glühwein und den leckeren Bratwürsten zugesprochen haben. Vielen Dank Euch allen, dass wir Euch noch einmal treffen konnten und für die tollen Abschiedsgeschenke – na gut, den Schlafanzug mal ausgenommen. Wir hoffen auf ein baldiges Wiedersehen irgendwo auf dieser Welt.

  • Neueste Kommentare

    • Kath sagt...

      1

      hallo süße,

      habe gerade deinen langen bericht gelesen. schön, wie du geschrieben hast. jetzt bist du noch weiter weg ABER ich drücke euch von ganzem Herzen die daumen und was ich sonst noch habe. :):):)

      da bei mir auf arbeit das schlimmste überstanden ist, werde ich morgen etwas später auf arbeit fahren und lieber dich versuchen anzurufen. Ich hoffe, ich bekomme dich bzw. die leitung hält stand.

      lg und einen tiefen schluchzer von mir
      Kath

      12/18/09 12:33 AM | Comment Link